Die Geschichte von Wiehler Gobelin

Firmengeschichte - die Entwicklung des Hauses Wiehler Gobelin

Vor nunmehr mehr als 125 Jahren, am 1. April 1893, gründete Jacob Wiehler in Berlin ein Weißwarengeschäft. In seinem Angebot befanden sich auch Handarbeiten, die er durch Annoncen in Zeitschriften seinem Publikum in Deutschland, Österreich, dem Balkan und Südrussland zugänglich machte. Zu den ersten Bildern gehörten die "Delfter Mühle" oder das "Schiff". Diese wurden gut angenommen, da nicht nur das Muster, sondern gleich die gesamte Materialzusammenstellung angeboten wurde. Erste Anzeigen und Flugblätter folgten und der Versandbetrieb trat immer mehr in den Vordergrund.
 
1905 erschien der erste Katalog mit Kissen, Decken, Wandbehängen und Gobelinbilder mit einer Auflage von 2.000 Stück. Diese Bilder waren Delfter Muster im Kreuzstich einfärbig gestickt. Mit Hilfe von Typen wurden Zählmuster hergestellt, nach denen auch heute noch die Wiehler-Gobelinbilder gestickt werden. Das Bildergeschäft gewann schon frühzeitig Vorrang.
 
Ab 1907 entwickelte sich die Firma so gut und der Katalog-Versand nahm derartig zu, dass im Jahre 1913 ein Katalog mit 72 Druckseiten erschien. Die Auflage betrug 25.000 Stück. Jacob Wiehler war mit dem Versandhandel ein Vorreiter seiner Zeit. Das Unternehmen in der Anhalter Strasse 14 in Berlin hatte mit dem Versandbetrieb bereits mehr als 20.000 Kunden, vor allem in Deutschland, Österreich-Ungarn und Südrussland.

Im Laufe des 1. Weltkrieges 1914-1918 ergaben sich Schwierigkeiten, die das Versandgeschäft zum Ende des Krieges völlig zum Stillstand brachten. Anfangs brachten Wollsachen für die Soldaten noch eine Scheinblüte, doch dann zwang der Verbrauch der letzten Rohstoffe für die Kriegsindustrie zur Verwendung schlechtester Ersatzmaterialien. Die russische Kundschaft war vom ersten Tag abgetrennt, die übrige zum großen Teil nicht mehr an Handarbeiten interessiert.
Der Krieg hinterließ veraltetes Adressmaterial, entwertete Kriegsanleihen und leere Lager. Doch Jacob Wiehler gab nicht auf und langsam meldete sich die alte Kundschaft aus neuen Ländern wieder: aus Jugoslawien, aus der Tschechoslowakei, aus Polen und Ungarn. Immer mehr Ware ging nun wieder ins Ausland nach Holland, in die Schweiz und nach Amerika. Doch dann war der ganze Verdienst wieder verloren und das Bankguthaben auf wenige Mark reduziert - der Staat hatte die Kriegsschulden auf die Bürger abgewälzt.

1928 tritt Rudolf Wiehler ins väterliche Handarbeitsversandgeschäft ein. Zuvor hatte er sein Examen als Diplom-Kaufmann gemacht, den Grad eines Doktors der Staatswissenschaften erworben und ist verschiedenen Tätigkeiten in der Gaswirtschaft nachgegangen.
Erst nach der Inflationszeit konnte die bewährte Form des Katalogangebotes wieder aufgenommen und durch Kelim-, Sudan- und Smyrna-Arbeiten erweitert werden, so dass im Herbst 1928 ein neuer Katalog mit 84 Seiten Umfang präsentiert wurde. Der Name Wiehler wurde wieder in die Welt hinausgetragen, die Bilder in 40 Länder verkauft.
 
Zum 40jährigen Geschäftsjubiläum im Jahre 1933 wurde als Besonderheit „Das heilige Abendmahl“ nach Leonardo da Vinci in das Sortiment aufgenommen und ist bis zum heutigen Tage eines der interessantesten Bilder geblieben. Kurz nach diesem Jubiläum, am 25. April 1933 starb Jacob Wiehler im 73. Lebensjahr. Sein Sohn Rudolf übernahm die Firma. 1937 veröffentlichte er einen 68-seitigen Katalog "Für fleissige Hände".
 
Der Ausbruch des 2. Weltkrieges 1939 beendete erneut viele Geschäftsverbindungen. Lediglich die Verbindung nach Bulgarien und Jugoslawien wurde als devisenwichtig anerkannt und sorgte dafür, dass bis zum Ende des Krieges Stoffe und Garne der Firma weiter zugeteilt wurden. Rudolf Wiehler wird bis 1942 für die Geschäftsfortführung vom Militär freigestellt. Ab dann kann er neben dem Militärdienst sein Geschäft führen, gerät aber in englische Gefangenschaft.
Ein Bombenangriff in den letzten Kriegstagen 1945 zerstört den Firmensitz Wiehler in Berlin in der Anhalter Strasse. Das Haus brannte vollständig ab. Es war ein Wunder, dass kurz vorher die wertvollen Unterlagen für Zählmuster und Garnsortierungen im Privathaus des Inhabers im Luftschutzkeller eingemauert wurden und somit der Vernichtung entgingen.
 
Nach dem Krieg gelang es, diese wertvollen Dinge aus Berlin zu bergen und in Buxtehude damit neu zu beginnen. Die Wiederaufnahme des Handarbeitsversandgeschäfts gelang zunächst nicht. Doch unter den alten Kunden sprach es sich herum, dass die Firma Wiehler zumindest wieder Stoff und Garn liefern konnte. Es waren diese treuen Kunden, die der Firma wieder Mut und neue Kraft gaben.
1950 schrieb Rudolf Wiehler an seine Kunden: "Wiehler-Handarbeiten waren ein Begriff, Qualität und zuverlässlige Bedienung ein Grundsatz der seit 1893 bestehenden Firma. Sie ist durch den Krieg völlig vernichtet, der Wiederaufbau erfordert Jahre. Es ist nicht abzusehen, ob die Neuherstellung der Muster und die Beschaffung des Rohmaterials möglich sein wird. Der Wiederaufbau ist geplant. Eines Tages - es mag Jahre dauern - hoffe ich, wieder den beliebten Wiehler-Katalog in alle Welt zu senden, Ihnen bewährte deutsche Wertarbeit erneut anzubieten."
 
1953 wurde aufgrund des Platzbedarfes ein neues Haus in Buxtehude bei Hamburg, in der Stader Straße 37, gebaut. Als seine Tochter Rudolf Wiehler um Stoffmuster für den Schulunterricht bittet, kommt ihm eine zündende Idee: Er baute einen Stoff- und Garnvertrieb für den Schulbedarf auf.
Es gelang Rudolf Wiehler in mühevoller Arbeit verlorene Zählmuster wieder zu beschaffen und aufzuarbeiten und mit den damals geretteten Unterlagen zusammenzuführen. Nun erst konnten die kompletten Sticksets von Wiehler wieder in die Welt getragen und verkauft werden. So wurde zunächst das Balkangeschäft mit klassischen Stickbildern wiederbelebt.

1970 war die Nachfrage nach Wiehler-Gobelinbildern so umfangreich, dass der inzwischen 72-jährige Inhaber Dr. Rudolf Wiehler aus Altersgründen seine Firma verkaufte. Da die Söhne ihre eigenen Wege gingen, wurde ein Nachfolger gesucht und mit Hans Jürgen Beck, einem Textilkaufmann, gefunden. Dieser führte das Unternehmen in Buxtehude, Stader Strasse 37 weiter. Hans Jürgen Beck sah seine erste Aufgabe darin, wieder einen Katalog herauszubringen und die Zählmuster, die seit Jahren nicht mehr gedruckt worden waren, in alter Form als Reproduktion zu drucken. Zu ihrer Verbesserung gelang es, ein völlig neues Verfahren auszuarbeiten. Weitere alte Zählmuster wurden im ehemaligen Jugoslawien zusammengetragen. Auch das alte Farbsortiment wurde durch Neueinfärbung der Garne wieder ins Leben gerufen. Nun war es möglich, neue Motive zu entwerfen und das alte Sortiment fortzusetzen und zu ergänzen.

Nach 30jähriger Pause erschien 1972 der erste Katalog “Original Wiehler Gobelin Weltbekannt“. Auch die Kunden, die schon über eine große Anzahl von gestickten Bildern verfügten, fanden neuen Anreiz zu weiterer Stickerei. Gleichzeitig wuchs das Geschäft durch Annoncen in Europa und Übersee. Die Liebhaber der Wiehler-Gobelinstickerei nahmen zu, sodass es notwendig wurde, neue Räume zu beziehen, um mehr Platz für die Ausarbeitung der Bilder zu schaffen.
Bezug des neu gebauten Firmengebäudes in Buxtehude in der Stader Straße 32 im Jahr 1975. Insbesondere im ehemaligen Jugoslawien fanden die zahlreichen Stick-Vorlagen per Katalog und Neuheitenblätter, durch Vertreterbesuche oder Messen weiterhin reißenden Absatz. Es entstanden auch wieder neue Bilder. In dieser Blütezeit hatte das Unternehmen bis zu 60 Angestellte sowie 400 m² Betriebsfläche mit Firmen- und Ausstellungsräumen. Es war der größte Gewerbetreibende im Ort.
 
Seit Beginn der 80er Jahre wurde besonderer Wert auf immer feinere Arbeiten gelegt. Den Anfang stellten hierbei zwei Ikonen im Petit-Point-Stich dar. Es folgten weitere wertvolle Ikonen und es wurde dem Kunden auch die Möglichkeit gegebenen, Gobelinbilder auf einem speziellen Stoff als Miniatur zu sticken. Mit 14 Stichen auf einem Zentimeter stellt diese Stickerei ein wirkliches Kunstwerk dar. 
Parallel zur Ausweitung auf feine Stickerei wurde ein völlig neues Kreuzstichsortiment entwickelt. Dieses wurde 1992 in einem gesonderten Kreuzstichkatalog abgebildet. 
Der Krieg in Jugoslawien beendete in den 90er Jahren die Blütezeit der Firma Wiehler, obwohl die qualitativ hochwertigen Stickbilder weiterhin weltweit ausgeliefert wurden. Es ging wieder einmal bergab in der turbulenten Geschichte des Unternehmens.

Der derzeit letzte Katalog, der Jubiläumskatalog anlässlich „100 Jahre Wiehler Gobelin“ erschien im Jahr 1993. Dieser ist aktuell im Webshop unter www.wiehler-goblin.com als Download und damit zum Durchblättern verfügbar. Die meisten dieser qualitativ hochwertigen Artikel sind weiterhin bestellbar. Der Katalog kann auch als Höhepunkt am Ende einer Ära der breiten handwerklichen Kunst gesehen werden.
Aus Altersgründen kündigte Hans Jürgen Beck 2004 die Firmenschließung an. Da der Umsatz dadurch wieder zunahm und viele Rückmeldungen kamen, den Traditionsbetrieb doch fortzuführen, entschied er sich jedoch trotz seines hohen Alters zur Weiterführung des Betriebes.

Im Februar 2005, nach dem überraschenden Tod von Hans Jürgen Beck im Alter von 80 Jahren, übernahm seine Tochter Jutta Böttcher den Betrieb. Sie war seit 1986 als Juniorin im familieneigenen Tapisseriebetrieb und hatte in den letzten Jahren auch Gobelin-Ausstellungen bei Wiehler organisiert.
Das Unternehmen hatte bei der Übernahme noch 10 Mitarbeiter. Die Branche steckte zu dieser Zeit bereits in der Krise, der Markt schrumpfte vor allem in Deutschland. Sticken lag nicht mehr im Trend. „Moderne Frauen haben keine Zeit mehr dafür. Dabei ist Sticken auch Meditation, man kann wunderbar dabei abschalten.“, meinte Jutta Böttcher. Zu dieser Zeit waren gestickte Ikonen und Chakren-Bilder gefragt, aber auch traditionelle Bilder wie „Der Hirtenknabe“ oder „Das heilige Abendmahl“. Ein neuer Webshop ging online.

Anstelle umfangreicher Kataloge erschienen Flugblätter und dünne Kataloge zu Wiehler-Neuheiten. Als Drei-Frau-Betrieb wurden noch bis zu 400 Aufträge pro Jahr abgewickelt und bis nach Neuseeland verkauft. Aber Frau Böttcher wollte sich neuen Herausforderungen stellen. Die Firma wurde 2012 von Heike Wichern übernommen und innerhalb Buxtehudes übersiedelt. Sie führte den Online-Versandhandel weiter, setzte weitere Digitalisierungsschritte.
2019 stand erneut die Firmenschließung im Raum: „Nach 125 Jahren Bestehen werden wir unser Traditionsunternehmen mit dem Handel von Stickmotiven nach Zählvorlagen aus alters- und gesundheitlichen Gründen zum 15. März 2019 aufgeben. Über eine Nachfolge ist noch nicht entschieden.“, so informierte Frau Wichern Ihre Kunden. Doch der Nachfolger sprang ab. Die Geschäfte wurden bis Ende Dezember 2019 weitergeführt.

Auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk, dem Motiv „Bücherwurm“ von Spitzweg, wurde der jetzige Inhaber auf das Unternehmen und die bevorstehende Schließung aufmerksam. Er wollte den Verlust dieser traditionsreichen Kulturgüter verhindern und diese Tradition bewahren.
Im März 2020 wurde das Unternehmen neu übernommen und schrittweise nach Österreich übersiedelt - erschwert durch die COVID-19 Reisebeschränkungen. Dazu wurden insgesamt 10 Paletten Material mit einem Gesamtgewicht von rund 2 Tonnen übersiedelt - fertige Stickbilder, Musterstücke, viele ungefaltete Zählmuster in Papierform, Folien, Garne und Stoffe.

Im Mai 2020 ging der übersiedelte Webshop unter der bekannten Adresse www.wiehler-gobelin.com online und schon in der ersten Nacht und ohne jegliche Werbung ging die erste Bestellung eines treuen Kunden ein.
Im Shop sind derzeit rund 335 Motive in Gobelin- und Petit-Point-Stich sowie weitere rund 220 Motive in Kreuzstich erhältlich. Das Angebot reicht von Blumen und Tieren über Landschaften bis zu alten Meistern und deren in Stickerei umgesetzte Kunstwerke.
Im September 2020 startete ein Projekt mit der Technischen Universität Wien, Institut für Mustererkennung, um schlecht lesbare oder fehlerhafte Zählmuster wieder in optimale Qualität übersetzen zu können. Mit dieser Individual-Software ist es auch möglich, fehlende Symbole in Zähmustern zu rekonstruieren.
Das Projekt wurde im Feb 2021 erfolgreich abgeschlossen. Seitdem erfolgt bei Bedarf schrittweise die technische Aufarbeitung der Vorlagen in gestochen scharfe Zählmuster.

Mit diesen und anderen Maßnahmen, wie der Überführung der Artikel in eine Datenbank, wird nun die Digitalisierung von Wiehler Gobelin vorangetrieben und das Unternehmen fürs 21. Jahrhundert fit gemacht. Wiehler Gobelin ist mittlerweile auch in Facebook und Instagram vertreten.
Die Zusammenstellung der Bestellungen erfolgt vollständig in Handarbeit in Österreich nahe Wien. Wenn die Kunden der Firma weiterhin die Treue halten, werden zukünftig auch neue, moderne Zählmuster das Sortiment ergänzen.